19.02.2017

Von: Peter Lehmann

Engagiert und umtriebig – ein Querdenker

So habe ich Martin Wirth kennen und schätzen gelernt, mich von ihm beraten lassen, ihm widersprochen, um Ergebnisse gerungen. Wenn er das Wort hatte, konnte er weit ausholen. Denn seine Argumentation war immer begründet. In Natur und Umwelt kannte er sich aus, egal ob es einheimische oder Pflanzen aus fernen Ländern waren. Er wusste, welche Böden sie brauchten, wie sie sich in die Landschaft fügten und welche Pflege sie brauchten. Dazu war er ein Ästhet. Die Beziehung von Mensch und Natur, von Baum und Strauch, von freier Fläche und gestalteter Landschaft waren ihm wichtig. Dann konnte er ins Schwärmen geraten. Und weil er gleichzeitig Maler war, setzte er seine Vorstellungen immer auch ins Bild. Das regte an, ging aber manchem auch auf die Nerven. Oft habe ich Menschen erlebt, die ihre Augen verdrehten, wenn Martin Wirth für Mensch, Natur und Umwelt das Wort ergriff. Freilich, er dachte dann auch quer, stellte Fragen, regte an, den eigenen engen Rahmen aufzubrechen und neue Wege, ungewöhnliche Wege zu gehen. Das machte ihn zu einem unbequemen Mitarbeiter in der Verwaltung. Gleich nach der friedlichen Revolution 1989 war der Lehrer, Landschaftsgestalter und Maler im Umweltamt des ehemaligen Landkreises Wernigerode tätig. Den Schreibtisch liebte er nicht. Er war eher in den Dörfern, in Städten und Gemeinden unterwegs. In den ersten wilden Jahren des Bauens und Gestaltens fragte er nicht viel, sondern packte an: Über „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ setzte er Projekte an Schulen, Plätzen und Kindergärten um. Wenn bei auf Bauprojekten auf „Ersatzmaßnahmen“ stieß, wenn etwa für den Landschaftsverbrauch durch Straßenbau „Ersatz“ geschaffen werden musste, war er sofort zur Stelle, plante mit, gestaltete mit. Sein Traum war immer, beim Landkreis eine eigene schlagkräftige Truppe zu haben, die mit allen nötigen Geräten ausgestattet ist, um Natur zu pflegen und zu erhalten. Er konnte ihn nicht verwirklichen, klagte über ausreichende Unterstützung, auch bei seinen eigenen Freunden. Wütend verließ er kurzzeitig auch die grüne Partei, die er noch in DDR-Zeiten mitbegründet hatte. Tief verletzt hat ihn, dass er nicht zum Leiter des Umweltamtes des Landkreises Wernigerode berufen wurde. Aber zum Schreibtischarbeiter war er wirklich nicht geboren. Bitter stieß es ihm auf, wenn einmal von ihm geplante und umgesetzte Projekte in Landschaft und Natur nach und nach vernachlässigt wurden, wenn ein Teich wieder verschwand oder zugewachsen war, wenn ein kleiner Bach wieder austrocknete, wenn ein Steg abgerissen wurde, weil er den entsprechenden gesetzlichen Vorschriften nicht 100%ig entsprach. Dann konnte er auch grummeln und grollen. Strahlen und wunderbar erzählen konnte er, wenn er interessierte Menschen um sich versammelte und sie durch die Landschaft führte, sie aufmerksam machte auf Pflanzen und Steine, auf die Besonderheiten der Natur, von der wir Menschen alle leben. Ehrfurcht vor dem Leben, das hatte er und vielen Menschen konnte er dafür auch die Augen und das Herz öffnen. Begeistert folgten sie Martin Wirth, wenn er zu einer Naturwanderung einlud und immer wieder auf Kleinode aufmerksam machte. Seit der Neuwahl des Kreistages im Landkreis Harz (2007) war Martin Wirth Mitglied der Kreistagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Hier engagierte er sich besonders in seinem Spezialgebiet Landschaftsschutz. Hartnäckig wehrte er sich gegen den ständig wachsenden Landschaftsverbrauch für Straßen und Neubauten. Im Agenda-Beirat forderte er den Ausbau von Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden. Der freundliche Alterspräsident des Kreistages mit seinem Vollbart und den verschmitzt lächelnden Augen wirkte gelegentlich wie ein Kauz aus anderen Zeiten. Die Zusammenarbeit mit ihm war nicht immer einfach, denn er weigerte sich strikt, einen Computer zu benutzen, hatte weder Email-Adresse noch Fax-Anschluss, von einem Smartphone ganz zu schweigen. Seine Vorlagen schrieb er mit der Hand und kopierte den Text für andere. Oft mussten wir in der Fraktion seine zu Papier gebrachten Texte, Vorlagen, Anmerkungen mühselig entziffern und abschreiben. Kontakt zu ihm bestand nur per Telefon und Brief. Wer etwas von ihm wollte, musste ihn in seinem Grundstück in Darlingerode aufsuchen – und fand ihn meist im Garten oder in der Werkstatt, wo er gern mit Holz arbeitete. Hier und da findet sich tatsächlich noch ein von ihm geschnitztes Hinweisschild. Sein Leben war geprägt von Natur und Landschaft, die er mit aller Kraft für kommende Generationen schützen wollte. Als 2004 das Projekt eines Autohofes am Pfeifenkrug fertig in der Schublade lag, erhob Martin Wirth mahnend die Stimme: „Die Kniefälle vor Investoren dürfen nicht soweit führen, dass wir gesetzliche Vorgaben des Naturschutzes unbedenklich zur Seite räumen, um kurzzeitigen wirtschaftlichen Vorteilen den Weg zu ebnen.“ Heute gilt dies ebenso für die auswuchernden Pläne in Schierke. Er wird uns als Mahner und Gestalter, als Freund und engagierter Mitstreiter fehlen.

Kategorien:KV Wernigerode
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