06.01.2020

Mitgliederversammlung im kleinen Schloss Blankenburg unter dem Leitthema Wald

Mitgliederversammlung im kleinen Schloss Blankenburg

Mitgliederversammlung im kleinen Schloss Blankenburg

Begrüßung durch Kreisvorsitzende Sabine Wetzel

Begrüßung durch Kreisvorsitzende Sabine Wetzel

Bericht der Landesministerin Prof Dr. Claudia Dalbert

Bericht der Landesministerin Prof Dr. Claudia Dalbert

Benno Schmidt, Botschafter für das Grüne Band, im Gespräch mit Sabine Wetzel

Benno Schmidt, Botschafter für das Grüne Band, im Gespräch mit Sabine Wetzel

Bericht aus Landesvorstand und Fraktion durch Sebastian Striegel

Bericht aus Landesvorstand und Fraktion durch Sebastian Striegel

Impulsreferat Andreas Pusch "Stirbt der Harzwald?"

Impulsreferat Andreas Pusch "Stirbt der Harzwald?"

Diskussion der Referent*innen mit Familie Busche, moderiert durch Kreisvorsitzenden Bernhard Zimmermann

Diskussion der Referent*innen mit Familie Busche, moderiert durch Kreisvorsitzenden Bernhard Zimmermann

 

Traditionell am Dreikönigstag, am 06.01.2020 fand die erste Mitgliederversammlung des Grünen Kreisverbands Harz im neuen Jahr 2020, diesmal im kleinen Schloßpark Blankenburg statt, und stand unter dem Leitthema "Stirbt der Harzwald".

Die Kreisvorsitzende Sabine Wetzel wies auf ein erfolgreiches Wahljahr für Bündnis 90 / Die Grünen, vor allem auch im Harzkreis, hin, und begrüßte die zahlreichen Gäste und vor allem die Referent*innen der Veranstaltung, Landesministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert, die Landesvorsitzenden Susan Sziborra-Seidlitz und Sebastian Striegel, den Leiter des Opens external link in new windowNationalparks Harz, Andreas Pusch, sowie Familie Busche, die einen privaten Forstbetrieb in Ballenstedt betreibt, mit Betriebszweigen für Opens external link in new windowEnergieholz und Opens external link in new windowWeihnachtsbäume.

Claudia Dalbert berichtete in einem ersten Vortrag über die Arbeit im Landesministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie (MULE). Sie verwies auf ein erfolgreiches, aber in der gegenwärtigen Konstellation der Regierungskoalition auch schwieriges Jahr 2019.

Sie stellte ihren weiteren Bericht unter die Überschriften Umwelt, Landwirtschaft und Energie.

Im Bereich Umwelt nannte sie als große Erfolge:

- Das im Koalitionsvertrag vereinbarte und zügig umgesetzte Opens external link in new windowUmweltsofortprogramm, das mit 10 Mio. € Landesmitteln speziell kleine Umweltprojekte vor-Ort fördern konnte, die häufig in den herkömmlichen Förderstrukturen untergehen. Als weiterer Erfolg konnte eine Verstetigung dieser Förderung als Arten-Sofortförderung mit 5 Mio € pro Jahr bis 2021 erreicht werden.

- Der Opens external link in new windowDrömling konnte durch eine Opens external link in new windowLandesverordnung zum Biosphärenreservat erklärt werden. Damit wurde die Voraussetzung für einen Antrag auf entsprechende Anerkennung bei der UNESCO geschaffen. Positive Signale der UNESCO liegen vor, und man rechnet mit der Einreichung des Antrags Ende dieses Jahres. 

- Als größten Erfolg bezeichnete sie die Ausweisung des Opens external link in new windowGrünen Bandes in Sachsen-Anhalt, dem Beispiel Thüringens folgend, als Opens external link in new windowNationales Naturmonument unter dem Motto "Vom Todesstreifen zur Lebenslinie", termingerecht zum 09.11.2019, dem 30. Jahrestag der Grenzöffnung durch den Fall der Berliner Mauer. Neben dem Gedenken an die historischen Vorgänge wird ein Lebensraum für 1200 bedrohte Arten gesichert. Claudia Dalbert würdigte besonders die Arbeit des Kuratoriums zur Entwicklung des Grünen Bandes, in dem aus dem Kreisverband Ulrich Karl Engel federführend beteiligt war. Sie betonte, dass nun das Grüne Band vor Ort entwickelt werden muss. Hierfür wurden Ansprechpartner bestimmt. Wichtig ist auch, eine Wertschöpfung durch Tourismus aus dem Grünen Band zu generieren. Von herausragender Bedeutung hierfür ist es, die Bedeutung des Grünen Bandes in die Öffentlichkeit zu tragen. Hierfür hat sie Benno Schmidt, bekannt als "Brocken Benno", zum  Botschafter des Grünen Bandes ernannt. Benno Schmidt war ebenfalls anwesend.

Im Bereich Landwirtschaft zeigt die Entwicklung des Ökolandbaus sowohl die Erfolge wie die Herausforderungen der Ministeriumsarbeit auf: Der Koalitionsvertrag sieht eine Ausweitung des ökologischen Landbaus auf 20% der Agrarfläche des Landes als Zielvorgabe vor. Durch großzügige Förderung konnte eine Steigerung der Anbaufläche von 5% in 2016 auf 8.4% in 2020 erreicht werden. Im Jahr 2019 wurden Umstellungsförderungen für 9000 ha beantragt. Eine erforderliche weitere Umschichtung von Mitteln wurde von den Koalitionspartnern CDU und SPD aber auf 5000 ha gedeckelt, sodass 4000 ha Umstellung nicht gefördert werden konnten.

Das Junglandwirteprogramm stellt ein Alleinstellungsmerkmal Sachsen-Anhalts unter den Bundesländern dar und trägt auch zur Sicherung der Betriebsnachfolge bei.

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist die Förderung regionaler Märkte. Dies erfolgt durch Preisverleihungen (z.B. Obsthofladen des Jahres), sowie durch ein mit der Agrarmarketing-Gesellschaft (AMD) geschaffenes Internetportal für regionale Märkte und Direktvermarktung.

Die Ausbildung des landwirtschaftlichen Nachwuchses wird durch die Neugestaltung der Versuchsstation Iden der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau mit zukunftsweisenden Stallneubauten wesentlich verbessert.

Im Zentrum der verbleibenden Arbeit in der Legislaturperiode wird die allgemeine Verbesserung der Situation der ländlichen Räume stehen. Hierzu wird das Ministerium drei Heimatkonferenzen und weitere Heimatgespräche durchführen.

Im Bereich Energie steht der Kohle-Ausstieg bis 2038 und der Umbau der Kohleregionen zu Modellregionen für grünen Wasserstoff im Vordergrund. Hierzu stehen in den Regionen bereits das nötige Know how in anerkannten Konsortien sowie Gaskavernen zur Verfügung. Ein weiteres Schwerpunktthema ist das Repowering der Windenergie. Derzeit stehen Windanlagen auf 1.8% der Landesfläche, wobei nur 1% als Windvorrangfläche ausgewiesen sind. Dies muss beim Repowering korrigiert werden. Die Beteiligung vor Ort an der Wertschöpfung der Anlagen ist entscheidend für die Akzeptanz.

Sabine Wetzel weist darauf hin, dass die Kommunen stärker bei der Installation regenerativer Energien unterstützt werden müssen.

Sebastian Striegel, Landesvorsitzender und parlamentarischer Geschäftsführer wies auf die starke Steigerung der Zustimmungswerte hin, die sich auch in einem starkem Mitgliederzuwachs (20% in 2019) auf jetzt 1050 Mitglieder manifestiert. Dies erfordert neue Strukturen und eine Professionalisierung der Parteiarbeit.  Der Terroranschlag in Halle und die internen Machtkämpfe in der CDU in ihrem Verhältnis zum Rechtspopulismus zeigen Gefahren für die Entwicklung der Demokratie auf. Er nennt als weitere Bedrohungen die "Demographische Falle", die starke Überalterung vor allem in den ländlichen Räumen, die nur durch Zuwanderung ausgeglichen werden kann (hierfür muss die Ausbildung von Migrant*innen landeseinheitlich geregelt werden), sowie die Klimakrise, die sich 2019 im wärmstes Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung in Sachsen-Anhalt manifestiert hat. Von den letzten 10 Jahren waren 9 deutlich über dem Temperaturdurchschnitt, mit katastrophalen Folgen für die Wälder. Die Grenzen des Wachstums müssen wieder thematisiert und das Wirtschaftssystem komplett umgebaut werden.

In seinem Impulsvortrag zum Thema "Stirbt der Harzwald?" greift Andreas Pusch, Leiter des Nationalparks Harz, die Problematik der "beschleunigten Waldentwicklung" durch die Klimaerwärmung seit 2006 auf. Von den etwa 100 Borkenkäferarten ist der Buchdrucker mit Abstand der wichtigste. Er wird durch die Klimaerwärmung stark gefördert. Er ist gefährlich für den Wirtschaftswald, nicht für den Nationalpark, in dem die natürliche Regeneration zu einem beschleunigten Waldumbau führt.

In der Kernzone (Naturdynamikzone 60% der Nationalparkfläche) des Nationalparks werden keine Abwehrmaßnahmen durchgeführt, während an den Außengrenzen  konsequente Bekämpfung den benachbarten Wirtschaftswald schützen und die Verkehrssicherung an den Strassen sicherstellen soll. Dieses Vorgehen ist breit abgestimmt mit der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt und den Ministerien der am Nationalpark beteiligten Bundesländer. Die dramatische Entwicklung seit 2018 hat die Schutzmassnahmen in den Außenbereichen, wie dies auch in Wäldern und Wirtschaftswäldern weiter Landstriche der Fall war, an ihre Grenzen geführt. Klimawandelbedingt wurde 2018 der trockenste, 2019 der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Sachsen-Anhalt in 1881 registriert. Seit 1980 zeigt der Trend eine Erwärmung um +4°C, eine dementsprechende Verminderung der Frosttage, einen früheren Austrieb der Fichte, und damit frühere und höhere Verdunstung. Erhebliche Trockenschäden fanden sich in den letzten Extremjahren auch an Laubbäumen. Die Vermehrung des Borkenkäfers wird seit 2007 beobachtet. Bis 2017 wurden im Nationalpark 2500 ha Totholz in den Fichtenbeständen registriert. Allein 2018 und 2019 kam die gleiche Fläche von 2500 ha hinzu, sodass jetzt 5000 ha Totholz zu verzeichnen sind. Die einzige Bekämpfungsmöglichkeit ist die sofortige Aufarbeitung befallenen Holzes. Chemieeinsatz ist nur auf den Holzlagerplätzen möglich. Hierbei sind Unternehmerkapazitäten und Logistik begrenzt, und der Fichtenholzmarkt teilweise zusammengebrochen. Saat- und Pflanzgut zur Wiederaufforstung sind knapp und die Pflanzbedingungen schwierig. In der Kernzone des Nationalparks sind diese Arbeiten auch nicht durchführbar. Andererseits regenerieren sich in den Hochlagen die natürlichen Fichtenwälder von selbst. Die natürliche Waldverjüngung funktioniert auch unter den Bedingungen des Klimawandels und ein Vogelmonitoring erbrachte in den strukturreicheren Verjüngungsbeständen 13 zusätzliche Vogelarten.

Waldentwicklungsmaßnahmen werden in den tieferen Randlagen durchgeführt, wo die Buche dominante Baumart wäre. Die Buche hat ein geringes Samenausbreitungspotential und muss daher durch Pflanzung bei der Wiederansiedlung unterstützt werden. In Randbereichen des Nationalparks wurden 4.3 Mio. Laubbäume gepflanzt, darunter zur Risikostreuung auch Eichen, Ahorne, Aspen, Moorbirken, Eschen, Roterlen und Sommerlinden.

Andreas Pusch zog als Fazit: Der Harzwald stirbt nicht, aber der Wirtschaftswald ist durch die aktuelle Entwicklung stark betroffen.

In der anschließend Diskussion bestätigten Karl Busche sen. und seine Söhne Hardi und Carl die katastrophale Situation des Wirtschaftswaldes. Hier sind in den nächsten Jahrzehnten keine Erträge zu erwarten. Von 72.000 im Vorjahr gepflanzten Bäumen sind 20.000 vertrocknet. Weihnachtsbäume und Energieholz werden als Ausweichmöglichkeit zur klassischen Holzproduktion gesehen. Die Weihnachtsbaumproduktion fällt aber wiederum nicht ins Junglandwirteprogramm.

Karl Busche bemängelt die Waldschadenserhebung mit Luftbildern als nicht aussagekräftig. In seinem Ballenstedter Wald beobachtet er das Absterben von 50% der Fichtenbestände. Bei 80.000 ha Fichtenflächen im Harzwald wären dies 40.000 ha Schadensfläche, wesentlich mehr als die vom Ministerium veranschlagten 10.000 ha. Neben Buchdrucker und Kupferstecher sind Lärchenborkenkäfer von erheblicher Bedeutung. Busches haben 2006 als Quereinsteiger den Wald in Ballenstedt übernommen. Seit 10 Jahren richten sie die Waldentwicklung nach dem Leitbild des "Naturertragswaldes" (bzw. des naturgemäßen Wirtschaftswaldes nach August Baumann), und am Klimawandel aus, wobei sie mit Mischkulturen aus mindestens jeweils sieben Nadel- und Laubbaumarten, darunter auch exotische wie Douglasie, Küstentanne, Lärchen, Roteiche, Hybridnuss, aber auch Wildobst wie Wildapfel und Wildbirne arbeiten. Buche, Esche und Fichte betrachten sie als trockenheitsgefährdet. Ihr Ziel ist die Optimierung des Waldes als CO2-Senke, als Träger von Biodiversität, und zur Befriedigung des gesellschaftlichen Holzbedarfs. Dies wollen sie auch von der Gesellschaft honoriert sehen.

Bei den Förderungen müssen vor allem Verzögerungen bei der Bewilligung vermieden werden, da sonst nicht  vegetationsgerecht gearbeitet werden kann. Besonders kritisch gesehen wird das Ausbleiben einer konsequenten Borkenkäferbekämpfung in benachbarten Naturschutzgebieten, wie dem Selketal oder auch dem Nationalpark Harz.

Claudia Dalbert und Andreas Pusch betonen die unterschiedlichen Anforderungen an Nationalpark und Wirtschaftswald. Die Kernzone des Nationalparks dient als "Reallabor". Hier kann beobachtet werden, was sich natürlicherweise unter den Bedingungen des Klimawandels entwickelt.

Darüberhinaus wurden von der Nordwestdeutschen Forstversuchsanstalt Empfehlung speziell für den für Harz angefordert. Auch im Landeswald wird ein Mischwaldkonzept mit einer "Fünf-Baumartenstrategie" mit mehrschichtigen Mischwäldern zur Risikominimierung umgesetzt, und mit 40% Naturverjüngung.

Bestandswasserkarten werden online veröffentlicht, um Informationsgrundlagen für die verschärften Wasserprobleme bereitzustellen.

Nach entsprechenden Bundesrichtlinien wurden Opens external link in new windowFörderrichtlinien aus GAK-Mitteln erstellt, die a) den Umgang mit beschädigtem Wald (Aufarbeitung, Lagerung, Polterbehandlung, Antragsvolumen bisher 8 Mio. €) und b) eine Waldumbauförderung mit mindestens 30% Laubholz (Richtlinie Forst 2019, Antragsvolumen über 1 Mio. €) umfassen. Priorität müssen dabei einheimische Arten haben. Auch sie können auf Trockenresistenz selektiert werden. Die Förderung der Weißtanne ist aber ebenfalls möglich.

Diskutiert wird auch die Einbeziehung von Wald auf der Positivseite des CO2 Zertifikathandels. Waldbesitzer könnten dann Zertifikate an CO2-Emittenten verkaufen. Förderrichtlinien können dagegen genauer an erwünschte Kriterien angepasst werden. Mehr Holzbau wäre erforderlich, um den Nutzen der CO2-Bindung durch die Holzwirtschaft zu realisieren. Hierfür wären Änderungen in der Bauordnung erforderlich.

Diskutiert wurden Wildkirschen als weitere Baumart mit hoher ökologischer Amplitude. Hier werden von Busches Probleme bei der Annahme durch Sägereien gesehen.

Säen wird als bessere Alternative zum Pflanzen, vor allem bei Eichen, diskutiert. Allerdings ist hierbei der Saatgutverbrauch höher und auch das Saatgut ist gegenwärtig knapp. Busches beobachteten gute Vermehrung bei Buchen, schlechte Reproduktion hingegen bei Douglasien und Lärchen.

Kategorien:KV Headliner
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